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Samuel Hahnemanns Chinarindenversuch-
die Wiege der Homöopathie




Seit 1750 spricht man in Deutschland vom Zeitalter der Aufklärung und auch Hahnemanns Lebensmotto „Sapere aude!“ (Wage es, weise zu sein!) unterstreicht dies. Frustriert von der zeitgenössischen Medizin, hatte er bald nach seiner Niederlassung als Arzt 1780 seine Praxis wieder aufgegeben und widmete sich fortan vor allem der Chemie, Pharmakologie und hielt sich und seine rasch anwachsende Familie mit Übersetzungen am Leben. Er hatte erkannt, dass die  damaligen Arzneimittel, die den Körper reinigen sollten, ihn oftmals jedoch eher schwächten. Wir kennen einige dieser Methoden, z.B. den Aderlass, massive Gaben von hochgiftigem Quecksilber, die „Fontanelle“- das ist ein Wollfaden, der in eine vom Arzt angelegte offene Wunde verlegt wurde, um „die Entzündung aus dem Körper heraus zu ziehen“. All diese Dinge erfüllen uns heute mit Schmunzeln oder nostalgischem Gruselgefühl. Damals waren sie an der Tagesordnung. Jeder kann sich vorstellen, dass ein ohnehin geschwächter Kranker nach der Anwendung dieser Torturen nicht gesünder sein   kann! Auch Hahnemann erkannte dies. Konsequenterweise weigerte er sich, solche Praktiken selbst anzuwenden.

1790 übersetzte er William Cullens „Materia medica“, wo er las, dass die Behandlung der Malaria mit Chinarinde auf  deren magenstärkenden Wirkung beruhe. Dem widerspricht er entschieden und entschließt sich, zum Beweis selbst Chinarinde einzunehmen. Dabei traten nacheinander folgende Symptome auf:

1. Füße und Fingerspitzen wurden ihm kalt
2. er wurde matt und schläfrig
3. sein Herz fing an zu klopfen und sein Puls wurde hart und schnell
4. ihn überkam eine „unleidliche Ängstlichkeit“, ein Zittern trat auf
5. er empfand eine Abgeschlagenheit durch alle Glieder
6. ein Klopfen im Kopf, Röte der Wangen und Durst traten auf
7. er bemerkte eine Stumpfheit der Sinne
8. er beklagt Steifigkeit in allen Gelenken und hatte
9. taube, widrige Empfindungen in den Knochen

Kurz, es erschienen nacheinander alle Symptome der Malaria und zwar jeweils 2-3 Stunden nach der Einnahme. Hörte er damit auf, verschwanden die Symptome. Fing er wieder damit an, traten sie wieder auf. Dies war der Beginn der Arzneimittelprüfungen am gesunden Menschen. Hahnemann prüfte weitere Stoffe und Arzneimittel und erkannte, dass jeder Stoff arzneilich wirkt. D.h. jeder Stoff hat körperliche, seelische und geistige Auswirkungen auf den menschlichen Organismus. Das bedeutet, jede Aspirintablette, jede Tasse Kaffee, jede Kartoffel, jede Scheibe Brot, aber auch jeder Schluck Wasser oder Tee beeinflussen und verändern den Organismus. Da jeder Stoff arzneilich wirkt, bringt auch jeder Stoff bestimmte Symptome hervor. Hahnemann zeichnete jedes aufgetretene Symptom exakt auf und prüfte auf diese Weise viele Substanzen, wie z.B. die Zaunrübe,  Aluminium, Pottasche und viele andere pflanzliche, tierische und mineralische Substanzen. Auf diese Weise erforschen auch heute noch Homöopathen aus aller Welt immer wieder neue Arzneien. Eine homöopathische Arznei muss ganz genau zum körperlichen, geistigen und seelischen Zustand des Patienten passen - nur dann kann sie helfen! So wie z.B. die homöopathische Aufbereitung der Küchenzwiebel bei Fließschnupfen hilft, wenn die Symptome des Schnupfens ganz genau mit den Symptomen übereinstimmen, die auftreten, wenn die Zwiebel als Homöopathikum geprüft wird.

Später halfen dem genialen Querdenker Hahnemann seine Familie, Schüler, Freunde und Kollegen bei den Arzneimittelprüfungen, um immer mehr Substanzen dem homöopathischen Arzneimittelschatz hinzuzufügen. Man entdeckte z.B. die arzneilichen Qualitäten des Keulenbärlapps, den man bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht arzneilich genutzt hatte, oder erkannte die heilenden Wirkungen des Lebensbaumes. Diese Pflanzen sind heute unter den Namen Lycopodium und Thuja zwei der wichtigsten homöopathischen Konstitutionsmittel. Auch das Quecksilber, das ja zum damaligen Zeitpunkt vielfach missbraucht worden war, kann, wenn es nach homöopathischen Kriterien,  also nach der Ähnlichkeitsregel eingesetzt wird, umfangreiche und wunderbare Heilungen vollbringen.

Mittlerweile sind in der Homöopathie über 1000 Arzneimittel bekannt, so dass es leicht zu verstehen ist, dass das Arbeiten nach der homöopathischen Methode einer gründlichen und soliden Ausbildung bedarf. Ein gewissenhafter Homöopath verbringt beispielsweise nach der Erstanamnese mit einem neuen Patienten durchaus einige Stunden mit der Repertorisation, d.h. Nachschlagen und Auswerten der Symptomengewichtung.

1796 formulierte Hahnemann in der Schrift „Versuch über ein neues Prinzip zur Auffindung der Heilkräfte der Arzneisubstanzen…“ erstmals seine Gedanken über die neue Heilmethode, die er „Homöopathie“, nannte - im Gegensatz zur „Allopathie“ der bekannten Schulmedizin. Deshalb gilt das Jahr 1796 als die Geburtsstunde der Homöopathie. Wir sehen auch, dass Hahnemann weitere sechs Jahre experimentierte, forschte und Arzneimittel prüfte, wie auch deren Wirkungen am Kranken, bevor er es wagte, seine Überlegungen der Ärzteschaft mitzuteilen.
Am 1.2.2010 jährte sich zum 220. Mal der Jahrestag des Chinarindenversuches von Samuel Hahnemann. Dies gibt uns Gelegenheit, auf 220 Jahre Homöopathie zurückzublicken.

Die Homöopathie hat sich seit ihrer Entdeckung rasch und konstant entwickelt und ausgebreitet, trotz oder vielleicht gerade wegen des Widerstandes der Ärzteschaft. Immer wieder bewies sie die Richtigkeit ihrer Prinzipien mit Heilungen, die an Wunder grenzten, z.B. bei Patienten, die von der Schulmedizin längst aufgegeben worden waren.
Unzählige homöopathische Ärzte haben der Menschheit Linderung und Heilung gebracht, z.B. Dr. James Tyler Kent (1849-1916), ein amerikanischer Arzt mit einer schulmedizinischen Ausbildung, der anfangs die Homöopathie bekämpfte, wo er nur konnte. Er war ein brillanter Arzt und bereits mit 28 Jahren bekam er den Anatomielehrstuhl am „American College of Saint Louis“ zugeteilt. Seine Wendung vom „Saulus zum Paulus“ begann mit einer Erkrankung seiner Frau, der er hilflos gegenüberstand. Sie litt an Schlaflosigkeit und Anämie, wurde von Tag zu Tag schwächer und keiner seiner akademischen (schulmedizinischen) Freunde konnte ihr helfen. Nach monatelangen erfolglosen Behandlungsversuchen, die sie schließlich ans Bett fesselten, bat sie ihren Mann verzweifelt, ob er nicht den alten Homöopathen aus der Nachbarschaft konsultieren könne? Nach längerem Widerstand erfüllte er den Wunsch seiner Frau und ließ den alten Dr. Phelan kommen. Amüsiert beobachtete Kent aus einer Zimmerecke, was der „alte Scharlatan“ alles wissen wollte von Kents Frau: hatte sie lieber süße oder salzige Speisen?  welche Ängste hatte sie? wie genau fühlten sich ihre Schmerzen an? fühlte sie sich besser in der Wärme oder in der Kälte? im Sommer oder im Winter? Für Kent war vollkommen klar, dass der Alte mit derart unnützen Fragen nichts würde bewirken können und verabschiedete ihn unterkühlt, nachdem Dr. Phelan einige Tropfen einer homöopathischen Tinktur in einem Glas Wasser verrührt hatte. Kent sollte seiner Frau davon alle zwei Stunden einen Löffel voll geben, bis sie eingeschlafen wäre. Nachdem sie monatelang an Schlaflosigkeit gelitten hatte!

Reichlich genervt und wenig überzeugt gab er seiner Frau einen Löffel der Lösung und wendete sich dann wieder seinen Studien zu. Natürlich vergaß er, ihr nach zwei Stunden die nächste Gabe zu verabreichen. Als er nach vier Stunden wieder ans Bett seiner kranken Frau trat, fand er sie in einem tiefen, friedvollen Schlaf vor. Können Sie Sich seine Überraschung vorstellen? Das heilende Mittel war Natrium muriaticum gewesen und unter Dr. Phelans Behandlung erholte sich Kents Frau rasch und nachhaltig.

Kent suchte den Alten auf, um sich für seine Unhöflichkeit zu entschuldigen und bat ihn um Unterricht in Homöopathie. Er verschlang Hahnemanns Bücher, eignete sich ein umfangreiches homöopathisches Wissen an, gab seinen Lehrstuhl auf und eröffnete eine homöopathische Praxis. Im Laufe seines Lebens schrieb er viele Bücher, hielt Vorlesungen und bildete seinerseits Schüler aus. Mit seinen Schülern prüfte er weitere Arzneien, die bis dahin in der Homöopathie unbekannt waren, wie z.B. Cenchris contortrix, die Mokassinschlange, Vespa vulgaris, die Wespe oder Barium sulphuricum, Calcarea silicata, Ferrum arsenicum oder Zincum phosphoricum. Ohne Kents Arbeiten wäre die Homöopathie heute nicht das, was sie ist!

Im Jahre 1840 wurde in Schottland James Compton Burnett geboren. In Wien und Glasgow studierte er Medizin. Sein Anatomieprofessor versuchte ihm die Homöopathie auszureden und warnte ihn vor fehlenden Karriereaussichten. „Auf Kosten meines Gewissens will ich mir keine weltlichen Ehren erkaufen.“ gab Burnett zur Antwort und hatte für 23 Jahre eine der größten Praxen in London. Er hat uns wichtige Hinweise zur Krebstherapie, zur Therapie von Impfschäden und zur Behandlung der inneren Organe hinterlassen.

Viele weitere mehr oder weniger bekannte homöopathische Ärzte arbeiteten mit dieser großen Methode und entwickelten sie weiter.

Bedauerlicherweise gibt und gab es, insbesondere seit den ersten beiden Weltkriegen sogenannte „naturwissenschaftlich-kritische Homöopathen“, deren Arbeit insgesamt zwar eher enttäuschte, nichtsdestotrotz langsam, aber gründlich die öffentliche Meinung von der Homöopathie veränderte und leider nicht zu ihrem Besten veränderte. Vielfach wird nun die Homöopathie einfach als Behandlungsmöglichkeit kleiner und kleinster Beschwerden angesehen, bevor der Experte dann doch zugezogen werden muss. Man meint, die meist pflanzlichen Mittel schaden nicht und können deshalb unbesorgt drei- bis fünfmal täglich, zum Teil über Wochen wiederholt werden. Irgendwann wirken sie dann schon… Das ist keine Homöopathie!

Tatsache ist, dass das richtig gewählte Mittel bereits nach einer Einmalgabe, bzw. nach einmaliger Wiederholung heilend wirkt. Hat man das falsche Mittel ausgewählt, wird es auch nicht helfen, wenn man es hundertmal wiederholt. Allerdings läuft man dann Gefahr, das Mittel zu prüfen, das heißt neue und für das Mittel typische Symptome hervorzubringen, statt einer Heilung entgegenzugehen.

NICHT HOMÖOPATHISCH im Sinne Hahnemanns ist ebenfalls z.B. die Komplexmittelhomöopathie, die eher nach dem Schrotschußprinzip arbeitet, das heißt, man geht davon aus, dass irgendeine der enthaltenen Substanzen den Gesundheitszustand schon verbessern werde. So werden z.B. komplexe Hustenmittel angeboten, in denen bis zu 20 verschiedene einzelne Homöopathika gemischt wurden, so dass am Ende auch nicht klar ist, welche Substanz nun genau geheilt hat.  Die Substitution mit Schüßlersalzen und die Isopathie sind ebenfalls nicht Homöopathie im Hahnemannschen Sinne, weil auch hier die Gaben unnötig oft wiederholt werden und meist auch nicht nach homöopathischen Prinzipien ausgewählt werden. Gefährlich ist u.U. die sogenannte Laienhomöopathie, die nur lokale Symptome mit D-Potenzen behandelt und oft die dahintersteckende Konstitution übersieht.

Einen guten Homöopathen erkennen Sie daran, dass er sich zuerst einmal viel Zeit für Sie nimmt. Er ist ihm wegen des zeitlichen Mehraufwandes nicht möglich, ähnlich viele Patienten zu betreuen, wie beispielsweise Kassenärzte dies tun. Die Homöopathie ist eine höchst individuelle Therapie, was bedeutet, dass sie auch einen jeden Patienten als einzelnen und einzigartigen Fall betrachtet, der nicht in ein Schema gepresst werden kann und darf. In einer homöopathischen Behandlung sollen nicht einzelne Krankheitssymptome beseitigt und sozusagen „weggemacht“ werden, sondern im gesamten Organismus soll sich eine spürbare Verbesserung etablieren, es soll ein  Heilungsprozess in Gang gesetzt werden, der nach Möglichkeit den gesamten Mensch mit seinem Krankheits- und Persönlichkeitsbild ausgleicht und harmonisiert. Ein wahrer Homöopath strebt nicht weniger als echte, komplette Heilung an, und immer eine Heilung auf allen Ebenen des Menschen: geistig, seelisch UND körperlich. Dabei ist es völlig gleich, mit welcher Beschwerde der Kranke beim Homöopathen vorstellig wird.

Literaturverweise:

Herwig Brandt, „Die Auseinandersetzung um die Homöopathie“, ISBN-Nr.: 3-922345-69-7
Karl-Josef Müller, „Klassische Homöopathie – Wieso? Weshalb? Warum?“, ISBN-Nr.:
3-934087-32-9
Heribert Möllinger, „Homöopathie – Die große Kraft der kleinen Kugeln“, ISBN-Nr.: 3-451-04982-1
Mohinder Singh Jus, „Die Reise einer Krankheit“, ISBN-Nr.: 3-906407-03-9


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