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Mai 2011

Die Rentnerinnen Elfriede und Lieselotte, die sich bei schönem Wetter jede Woche im Park treffen, sitzen im Schatten auf einer Bank und unterhalten sich über ihre Wehwehchen:

„Also, ich spüre meine Gelenke in letzter Zeit kaum. Das schöne Wetter tut mir richtig gut. Wie ist es bei Dir?“ fragt Elfriede, die an Gelenkrheumatismus leidet, ihre langjährige Freundin Lieselotte, die eine schmerzhafte Kniearthrose hat.

„Ach, es wäre schön, wenn mit dem schönen Wetter der Schmerz verschwinden würde… Aber bei mir ist es in den letzten Tagen eher schlimmer geworden. Jeder Schritt tut mir weh und ich würde am liebsten zu Hause bleiben!“

So unterhalten sich die beiden älteren Frauen, die sich noch aus der Schulzeit kennen und wir wollen uns an ihrem Beispiel einmal ansehen, welche Unterschiede und Gemeinsamkeiten verschiedene Gelenksbeschwerden haben und welche Ursachen und Auslöser diese sowohl aus schulmedizinischer Sicht, als auch aus homöopathischer Sicht haben.

Wir glauben, Gelenkschmerzen träten vor allem in der zweiten Hälfte des Lebens auf und seien sozusagen ein Charakteristikum von älteren Menschen. Das ist die allgemeine und landläufige Ansicht über den sogenannten „Rheumatismus“, das oft gebrauchte Synonym für Gelenksbeschwerden. Allerdings ist diese Ansicht genauso falsch wie die Bezeichnung „Rheuma“ für jede Art von Gelenkschmerzen. Genau genommen ist nämlich „Rheumatismus“ eine veraltete und ungenaue Bezeichnung für verschiedene Erkrankungen mit ziehenden, reißenden oder fließenden Schmerzen des Bewegungsapparates. Zum Bewegungsapparat gehören außer Muskeln und Knochen aber auch Sehnen, Bänder und natürlich die Gelenke. Das sogenannte „Rheuma“ ist also nur eines von vielen Übeln, die sich an den Gelenken zeigen können. Es beschreibt Krankheiten, die sich in Folge entzündeter Gelenke ergeben. Andere Erkrankungen, die Gelenkschmerzen verursachen können, wären zum Beispiel die Arthrose, die Borreliose,  Ganglione oder ein Fersensporn, verschiedene Kollagenosen wie der Lupus erythematodes, die Sklerodermie, das Sjögren-Syndrom und weitere Erkrankungen, zum Beispiel der Arterien oder anderer Strukturen des Körpers, die auf die Gelenke übergreifen können. Auch eine Hauterkrankung, wie die Psoriasis kann sich an den Gelenke manifestieren und ist als Psoriasis-Arthritis bekannt.

Grundsätzlich unterscheidet man bei Gelenkssymptomen zwischen entzündlichen und degenerativen Erkrankungen der Gelenke. Dabei wird die entzündliche Gelenkserkrankung als Arthritis und die degenerative, also verschleißbedingte Gelenkserkrankung, als Arthrose bezeichnet. Mit diesen Bezeichnungen differenziert man die Gelenksbeschwerden also hinsichtlich ihrer Ursache: liegt die Ursache in  einer Entzündung des Gelenks, etwa in Folge einer Streptokokkeninfektion oder im Zusammenhang mit einer sogenannten Systemischen Erkrankung, wie dem Lupus erythematodes, spricht man von einer Arthritis. Ist die Erkrankung aber nicht auf eine Entzündung zurückzuführen, sondern auf altersbedingte Verschleißerscheinungen, spricht man von Arthrose. Dabei kann eine Arthrose auch als Folge vieler Entzündungsvorgänge auftreten – eine rheumatische Entzündung der Gelenke, beispielsweise der Fingergelenke kann nach einiger Zeit zur Entstehung einer Arthrose des Gelenks führen.

Beginnen wir unsere Betrachtungen mit der Arthritis, also der entzündlichen Variante der Gelenkserkrankungen. Eine Arthritis ist eine Gelenksentzündung, genauer, eine Entzündung der Gelenksinnenhaut, der Haut also, die das Gelenk von innen auskleidet und die die sogenannte Gelenkschmiere absondert. Wenn diese Gelenksinnenhaut nun entzündet ist, kommt es zu Rötung, Schwellung, Überwärmung, Bewegungseinschränkung, manchmal zum Gelenkserguss und in der Regel immer zu starken Schmerzen im Bereich des betroffenen Gelenks.

Aufgrund dieser Entzündung kommt es bei den betroffenen Patienten typischerweise zur sogenannten Morgensteifigkeit, das heißt, dass besonders morgens nach dem Aufstehen die betroffenen Gelenke steif und unbeweglich sind und sich dies erst nach einiger Zeit – nach etwa einer Stunde – bessert. Diese Beschwerden treten in der Regel auf beiden Körperseiten gleichzeitig, also symmetrisch auf und reagieren oft gut auf Kühlung und mäßige Bewegung, wobei Bewegung natürlich erst einmal sehr schmerzhaft ist.

In einigen Fällen bilden sich um die Gelenke herum oder im Bereich der Unterarme sogenannte Rheumaknoten, das sind nichtschmerzhafte, knötchenförmige, veränderliche Verdickungen, die aufgrund erhöhter Druckbelastung entstehen.

Vielfach gehen dem Auftreten der Gelenksschmerzen andere Symptome, wie Müdigkeit, Abgeschlagenheit, allgemeine Schwäche, starkes Schwitzen oder Appetitlosigkeit und ähnliche Erscheinungen voraus. Die Erkrankung selbst tritt meist recht plötzlich auf und verläuft schubweise, also es kommt immer wieder abwechselnd zu akuten Schüben mit starken Schmerzen und vorübergehenden Besserungen. Der Krankheitsprozess ist chronisch, das bedeutet, dass die Krankheit stetig voranschreitet und nach schulmedizinischer Meinung nicht ursächlich heilbar ist (in der Homöopathie sieht man dies etwas anders – dazu später). Deshalb spricht man beim sogenannten „Rheuma“ meist richtiger von der chronischen Polyarthritis, also einer chronisch verlaufenden Entzündung mehrerer Gelenke.

Häufig kommt es im Verlauf der chronischen Polyarthritis durch die ständigen Entzündungen der Fingergelenke zu starker Deformierung der Finger und Hände. Die Finger sind dann seitlich wie abgeknickt und die betroffenen Gelenke meist wegen der Entzündung stark aufgetrieben. Das kann im Laufe der Jahre in einigen schweren Fällen bis zur völligen Versteifung der Gelenke führen. Die typischen Veränderungen sind bei langjährigen Polyarthritispatienten - gerade an den Händen - oft zu sehen. Der Begriff „Polyarthritis“ bedeutet dabei, dass mehrere Gelenke gleichzeitig betroffen sind – im Gegensatz zur Monarthritis, bei der nur ein einziges Gelenk erkrankt ist.

Das Erkrankungsgeschehen selbst wird als Autoimmunerkrankung bezeichnet, das heißt, man nimmt an, dass das Immunsystem des Körpers körpereigene Strukturen, wie zum Beispiel die Gelenksinnenhaut angreift und es in Folge dieses Geschehens zur Entzündung, zum Beispiel eben des Gelenks kommt.

Schauen wir uns nun das Krankheitsgeschehen bei Elfriede an: die 63jährige leidet an einer primär chronischen Polyarthritis und zwar bereits seit ca. 30 Jahren. Es begann mit einem ewigen Schwäche- und Schweregefühl in den Händen, was der damals ja noch jungen Frau große Sorgen machte. Sie hatte Schmerzen in den Händen bei jeder Bewegung, die sie machte – sogar der Druck beim Händeschütteln zum Begrüßen war sehr schmerzhaft für sie. Anfangs trat vor allem ein Gelenkknacken auf und die Schmerzen waren mal in diesem und dann wieder in jenem Gelenk lokalisiert. Außerdem fühlte sie sich häufig müde und von den alltäglichen Aufgaben überfordert. Später kamen noch andere Beschwerden am Bewegungsapparat hinzu: ein Hallux valgus am linken Fuß, immer wieder eingewachsene Zehennägel und ein Nagelpilz. Häufig schwitzte sie auch sehr stark. Die rheumatischen Schmerzen sind besonders schlimm bei kaltem oder feuchtem Wetter – obwohl andererseits kalte Anwendungen gut tun und ihren Schmerzen etwas Linderung verschaffen. Auch schönes Wetter und vor allem Wärme sind sehr angenehm und scheinen die Schmerzen günstig zu beeinflussen.

Von ihrem Hausarzt, der ein Rheumatologe ist, bekam sie verschiedene Medikamente verschrieben und außerdem Krankengymnastik und eine Ernährungsberatung. Dort erfuhr sie, dass sich Fasten sehr günstig auf Gelenkbeschwerden auswirken kann und sich rheumatische Erkrankungen dadurch oft nachhaltig bessern. Dumm nur, dass Elfriede so gern isst, vor allem Süßes. Dabei bemerkt sie diese „Sünden“ schon sehr bald an ihren wieder heftiger werdenden Gelenkschmerzen.

Die Therapeutin, die Elfriede in der Ernährungsberatung kennengelernt hat, besaß ein eindrucksvolles Wissen über Ernährung und Elfriede lernte, dass es günstiger für sie sei, wenn sie die Aufnahme von tierischen Produkten, wie Wurst, Fleisch, Eiern, aber auch von Milch und Milchprodukten stark reduzierte und stattdessen mehr frisches Obst und Gemüse zu sich zu nehmen würde. Dagegen schien Fisch besonders günstig für sie zu sein. Besonders erstaunlich fand sie die Tatsache, dass sie offensichtlich viel zu wenig trank, wie ihr die Ernährungsberaterin erklärte. Bis jetzt hatte Elfriede immer geglaubt, sich recht gesund ernährt zu haben. Dagegen sprach allerding schon ihr durchaus augenfälliges Übergewicht. Dieses galt es nun abzubauen, um die Gelenke zu entlasten. Damit kam das Gespräch erneut auf das Fasten.

Ein akuter Rheumaschub könne mit einigen Fastentagen durchaus abgefangen und sozusagen entschärft werden, erklärte ihr die freundliche Beraterin. Das setzt natürlich einige Konsequenz voraus: wenn man Wochenenden, Urlaub oder Familienfeiern als Grund (oder als Ausrede) für Ernährungssünden ansieht, wird es schwierig damit, der falschen Ernährung rigoros den Kampf anzusagen. Elfriede verspricht, tapfer zu sein.

Die medikamentöse Behandlung der rheumatischen Erkrankungen in der Schulmedizin richtet sich nach der vermuteten Ursache: wegen des entzündlichen, autoimmunen Geschehens behandelt man mit entzündungshemmenden und immunsuppressiven Medikamenten, meist mit sogenannten nichtsteroidalen Anti-Rheumatika (NSAR), sogenannten Basismedikamenten und im akuten Schub mit Kortison. Damit versucht man die im Gelenk stattfindende Entzündung abzuschwächen und damit die Symptome zu lindern. Dabei haben alle diese Medikamente außer ihrer spezifischen Wirkung auf die Gelenke auch sogenannte unerwünschte Wirkungen – also Nebenwirkungen. NSAR zum Beispiel verursachen bei längerer Anwendung oft Geschwüre an den Schleimhäuten des Magen-Darm-Traktes, die allerdings wegen der gleichzeitigen schmerzstillenden Wirkung oft nicht bemerkt werden. Andere Mittel können das Immunsystem langfristig stark schädigen. All die Dinge, die sie auf den Beipackzetteln gelesen hat, beunruhigen Elfriede sehr. Sie fragt sich, ob es nicht eine andere Möglichkeit gibt, ihr Leiden zu behandeln.

Deshalb hat sie sich entschlossen, einen Heilpraktiker aufzusuchen. Sie ist nicht ganz sicher, was sie erwarten kann und ob ihr überhaupt geholfen werden kann, aber sie möchte gern versuchen, eine Alternative zu den vielen Medikamenten zu finden. Ein bisschen aufgeregt ist sie schon und etwas unsicher betritt sie die Praxis von Herrn Roland Globuli, einem klassischen Homöopathen. Der stellt ihr unglaublich viele Fragen und scheint sich auch sehr für bestimmte Details ihrer Krankengeschichte zu interessieren. So fragt er Elfriede, was den Gelenkbeschwerden denn vorausgegangen sei.

Elfriede erinnert sich nun, dass der erste Schub vor etwa 30 Jahren auftrat, als ihre kleine Tochter gerade drei Monate alt war. Sie fühlte sich seit der Entbindung sehr müde, schlapp und irgendwie auch reizbar, führte dies aber auf die Aufregung um das Baby und die ganzen körperlichen Veränderungen zurück. Kurz nach der Entbindung begannen die Hände zu schmerzen und sie brauchte immer öfter die Hilfe ihres Mannes bei Verrichtungen im Haushalt.

Aber auch die Schwangerschaft war anstrengend und verlief nicht ungetrübt: schon vorher hatte sie aller halben Jahre wieder mal eine Blasenentzündung, während der Schwangerschaft nun war es so schlimm, dass sie für mehrere Wochen Antibiotika nehmen musste.

Als Kind hatte sie sehr häufig Erkältungen oder Mandelentzündungen und fast ständig geschwollene Lymphknoten. Nahezu auf jede Impfung reagierte ihr Körper besonders heftig und nach der Pockenimpfung – die war ja damals noch üblich – war sie drei Wochen krank.

Elfriede war als Kind schon eher eine introvertierte Person und auch später, als junge Frau drängte sie sich nie in den Vordergrund, sondern war eher zurückhaltend und unsicher. Sie aß zwar gern, vertrug aber manche Nahrungsmittel nicht, wie zum Beispiel Zwiebeln, rohes Gemüse, Kohl und Schwarztee. Wenn sie mehr als eine Tasse Kaffee trank, bekam sie Sodbrennen und allzu Fettiges machte ihr Magendruck und Blähungen. Sie schwitzte schon immer stark an den Füßen und obwohl sie fast alle Hausmittelchen dagegen ausprobiert hatte, blieb es dabei. Außerdem hatte sie am Hals viele kleine gestielte Warzen.

Obwohl sich Elfriede doch sehr wunderte, was wohl all diese Dinge mit ihren Gelenksbeschwerden zu tun hätten, gab sie doch brav Auskunft und war sehr erstaunt, als ihr Herr Globuli nach einer über zwei Stunden dauernden Erstanamnese zwei Tütchen mit einem Pulver überreichte und sie bat, dies morgens nüchtern einzunehmen und danach bitte komplett auf Kaffee zu verzichten. Er erklärte ihr, dass Kaffee die Wirkung dieses Mittels stark stören könne und außerdem eine möglicherweise auftretende Erstverschlimmerung durch Kaffeegenuss massiv verstärkt werden könne.

Da Elfriedes Freundin Lieselotte für einige Wochen verreist war, ist sie nun nach ihrer Rückkehr recht erstaunt, da sich mit ihrer Freundin offenbar Einiges verändert hat: Elfriede trinkt keinen Kaffee mehr! Dafür scheint es ihren Gelenken besser zu gehen und sie wirkt auch irgendwie gelöster, selbstbewusster. Ihre Augen strahlen und sie hat nicht mehr so kalte Hände. Was war geschehen?

Die homöopathische Arznei, die sie von Herrn Globuli bekommen und eingenommen hatte, hatte ganz schön was bewirkt! Als erstes begann ihre Nase zu laufen und es kam zu einem richtig fiesen Schnupfen mit dickem gelbem Nasenschleim. Dabei erinnerte sie sich daran, dass Sie früher oft Schnupfen gehabt hatte und auch öfter Beschwerden mit den Nebenhöhlen, die dann zu Kopfschmerzen geführt hatten. Auch diese Kopfschmerzen traten wieder auf, allerdings nur kurz. Einige Tage danach setzte ein Husten ein, der ebenfalls viel Schleim zutage förderte. Elfriede stellte auch fest, dass sie häufiger zur Toilette musste…

Noch während der Schnupfen langsam in den Husten überging, begannen auch die Gelenke wieder zu schmerzen. Allerdings fühlte sich der Schmerz anders an und es waren nicht alle Gelenke betroffen, die ihr sonst immer zu schaffen gemacht hatten. Es schien eher so, als ob es in den Gelenken arbeiten würde und sie merkte, dass Wärme ihr dabei sehr gut tat. Deshalb hatte sie nun häufig eine Wärmflasche auf dem Schoß, auf die sie ihre Hände legte, wenn sie abends die „Tagesschau“ ansah.

Der Schlaf wurde auch besser, bemerkte Elfriede. Wenn sie nachts wach wurde, um zur Toilette zu gehen, schlief sie direkt danach wieder ein, ohne sich erst lange hin und her zu wälzen, wie es sonst oft war. Nach einiger Zeit besserten sich nun auch die Gelenkschmerzen. Ihre Finger waren nicht mehr so stark geschwollen, sie konnte wieder besser zupacken und vergaß sogar ab und zu, ihre Medikamente einzunehmen, die ihr der Arzt verschrieben hatte. Und das war gar kein Problem! Einige Ringe passten nun wieder, die sie vorher gar nicht mehr über ihre geschwollenen Fingergelenke bekommen hatte. Was war das nur für ein Zaubermittel, das ihr der Homöopath gegeben hatte??? Und ob er wohl ihrer Freundin Lieselotte auch helfen könnte???

Lieselotte war ziemlich beeindruckt von Elfriedes Erfahrungen mit der Klassischen Homöopathie und überlegte, was in ihrer Vergangenheit alles passiert sei, das sie nun Herrn Globuli berichten könne. Sie hatte sich auch einen Termin bei dem Homöopathen besorgt und versuchte sich zu erinnern, was alles wichtig sein könnte.

Ein auffallender Unterschied im Vergleich zu Elfriedes Leiden bestand darin, dass Lieselottes Schmerzen vor allem bei schönem Wetter schlimmer wurden, während sie bei feuchtem, regnerischem Wetter erträglicher waren. Am besten ging es ihr während eines Sommerregens. Auch hatte sie manchmal den Eindruck, dass es besserte, wenn sie einen Schluck kalten Wassers trank. Aber vielleicht war das auch nur in ihrer Einbildung so?

Lieselotte ist eine stämmige, korpulente, ältere Dame von 65 Jahren mit warmen, liebevollen Augen. Die Arthrose ihres rechten Knies begann vor etwa 15 Jahren mit einem Brennen und später einem Steifheitsgefühl. Seit sie sich erinnern kann, knackten ihre Knie, vor allem beim Gehen und beim treppab Steigen. Später trat der brennende, wunde Schmerz bei jeder Bewegung des Knies auf und es fühlte sich an, als ob überhaupt keine Schmiere mehr in dem Gelenk wäre. Das Einzige, was ihr wirklich gut tat, waren feucht-warme Umschläge abends auf das Knie. Dann ließen die Schmerzen etwas nach.

Früher hatte sie häufig Krämpfe in Waden oder Füßen und sehr oft eingewachsene Zehennägel. Ihre Fußgelenke schienen recht schwach zu sein, denn sie knickte sehr oft um. Als Kind oder junge Frau hatte sie immer wieder mal Mandelentzündungen, meist auch mit Heiserkeit oder sogar Stimmverlust. Deshalb musste sie schließlich auch das Singen im Chor aufgeben, das ihr soviel Freude bereitet hatte. Aber sie hatte zu oft Probleme mit der Stimme und konnte sich, scheint´s, einfach nicht auf ihre Stimme verlassen. Dabei bedauerte sie das sehr – sie hatte sehr gern und auch sehr schön gesungen.

Auch von Lieselotte wollte der Heilpraktiker Herr Roland Globuli wissen, was dem ersten Auftreten der Knieschmerzen vorausgegangen sei? Nun eigentlich nichts Besonderes, meinte Lieselotte, sie habe halt sehr viel gearbeitet, da sie quasi zwei Haushalte zu versorgen hatte, nachdem ihre Schwiegermutter, in deren Haus sie mit ihrem Mann lebte, vor zwanzig Jahren wegen eines Schlaganfalls zum Pflegefall geworden war. Da man die Frau nicht so schnell in einem Pflegeheim unterbringen konnte – und eigentlich auch nicht wollte – hatte sie sich bereiterklärt, mit ihrem Mann gemeinsam die Pflege zu übernehmen. Wegen eines etwas später auftretenden Bandscheibenleidens konnte ihr nun ihr Mann aber nicht mehr so helfen, wie vorher und die Pflege der kranken Schwiegermutter blieb fast vollständig an Lieselotte hängen, die das auch klaglos übernahm und tagtäglich absolvierte.

Sie hatte – im Gegensatz zu Elfriede – noch nie viel Wert auf Süßigkeiten gelegt, insgesamt hatte sie eher einen geringen Appetit und verspürte auch sehr selten Durst. Kaffee trank sie dennoch häufig, da sie morgens sonst kaum wach wurde. Welch Wunder auch, wenn sie jeden Tag, sogar am Wochenende, soviel arbeiten musste, dass ihr kaum mehr als 4-5 Stunden Schlaf  übrigblieben! Obwohl sie recht wenig aß, litt sie doch häufig unter Blähungen und war auch eher verstopft.

Die Frage, was den Knieschmerzen wohl vorausgegangen sei, irritierte Lieselotte. Glaubte Herr Globuli etwa nicht, dass ihre Kniearthrose eine Verschleißerkrankung sei? Hatte er etwa eine andere Ursache im Sinn? Er antwortete, indem er ihr einen Absatz aus dem Buch „Rheuma heilt man anders“ von Dr. Klaus-Ulrich Hoffmann vorlas: „…Ihre Erkrankung ist angegessen! Ändern Sie Ihre Ernährungsweise. Nur eine basische Kost kann Ihrem Gelenk- und Wirbelsäulenverschleiß Einhalt gebieten. Und nicht nur das, halten Sie konsequent eine gesunde Ernährungsweise ein, können Ihre Gelenke auch röntgenologisch erkennbar stabiler werden. Natürlich benötigt eine erfolgreiche Ernährungsstrategie viele Monate und Jahre, Schäden wettzumachen. Beschwerden bei stärkeren Arthroseerkrankungen und Wirbelsäulenschäden lassen sich jedoch fast immer naturheilkundlich gut lindern oder sogar ganz beheben. Entscheiden Sie selbst, ob Sie Ihre Gelenke dem Chirurgen übergeben wollen oder einer besseren Ernährungsweise. Entscheiden Sie selbst, ob Ihnen eine Versorgung mit Prothesen oder eine Prothesenchirurgie lieber sind als Ihre eigenen Knochen…“

Jetzt war Lieselotte sprachlos – das hatte sie nicht erwartet! Gab es wirklich noch Hoffnung für sie? „Herr Globuli, ich will gern versuchen, meine Ernährung zu verbessern, wenn es mir dadurch besser gehen wird. Aber bekomme ich denn keine Kügelchen, wie meine Freundin Elfriede?“ Herr Globuli musste lachen „Doch, natürlich bekommen sie Kügelchen von mir. Die werden sie bei ihrer Ernährungsumstellung sicher sehr unterstützen!“

Jetzt war Lieselotte beruhigt und nahm etwas aufgeregt ihr Tütchen mit den Kügelchen in Empfang. Hoffentlich konnte ihr Herr Globuli helfen! Wie oft hatte sie sich das schon gewünscht! Der freundliche Homöopath erklärte ihr nun noch das Phänomen der Erstreaktion: wenn das homöopathische Mittel im Körper zu wirken beginnt, kommt es sehr oft vor, dass sich die bestehenden Beschwerden erst einmal verstärken, also verschlimmern, bevor es zu einer Besserung kommt. „Das ist eine völlig normale Reaktion und bedeutet lediglich, dass das Mittel im Körper Resonanz auslöst und deshalb nun die Beschwerden auch wirklich ausheilen kann!“ sagt Herr Globuli.

„Ja, das hat mir meine Freundin Elfriede auch schon erklärt! Sie hatte einen Schnupfen, dann Husten und auch mit ihren Händen wurde es anfangs erstmal noch schlimmer, bevor die Schmerzen langsam verschwanden. Sie sagte, dass muss so sein, bevor es besser wird. Die Beschwerden verabschieden sich, indem sie alle nochmal auftauchen!“ erzählte Lieselotte. Herr Globuli musste lachen und pflichtete ihr bei. „Ja, so könnte man sagen! Ich wünsche ihnen nun eine Gute Besserung!“

In der Klassischen Homöopathie sieht man als Ursache von Gelenkbeschwerden nicht unbedingt Abnutzung oder autoimmune Vorgänge, also den Angriff körpereigener Strukturen auf Gelenke oder Gelenkteile, an. Vielmehr geht man davon aus, dass jeder Mensch bestimmte körperliche Schwachstellen besitzt, an denen sich nun langdauernde Ernährungsfehler, ungesunde Lebensgewohnheiten oder dauernde ungünstige Einflüsse zuerst zeigen. Das kann bei einer Person der Magen, bei einer anderen die Niere, bei einer dritten Person die Psyche oder der Schlaf und bei einer vierten Person eben ein oder mehrere Gelenke sein. Diese Schwachstellen sind entweder schon bei den Eltern besonders anfällig gewesen oder entstanden im Laufe des Lebens durch Vorerkrankungen, Unfälle, Operationen oder andere Umstände.

Der von 1898 bis 1993 lebende Schweizer Homöopath Adolf Voegeli beobachtete in seiner Praxis zum Beispiel, dass rheumatischen Erkrankungen oft wiederholte Zahnbeschwerden und Zahnwurzelherdgeschehen vorangehen.

Andere Ursachen oder Auslöser für rheumatische Erkrankungen im homöopathischen Verständnis können sein: Unterdrückungen der weiblichen Menstruation, zum Beispiel auch durch Hysterektomie, also das Entfernen der Gebärmutter – wird oft als Totaloperation bezeichnet. Weitere mögliche Ursachen sind unterdrückte Absonderungen oder unterdrückte Hautausschläge, wie zum Beispiel Schweiß, Fuss- oder Vaginalpilze, Durchfälle oder Leukorrhoe. Aber auch Stoffwechsel- oder Assimilationsstörungen, Temperaturveränderungen, Folgen von Durchnässung oder feuchter Kälte, Mangelerscheinungen oder psychische Ursachen sind möglich, wie zum Beispiel langjähriger Kummer, geistige oder körperliche Überforderung oder starke Ängste.

All diese Dinge können ursächlich bzw. auslösend für Gelenkbeschwerden sein und wenn man diese Auslöser erkennt und benennt, lässt sich oft schon anhand dessen das richtige homöopathische Mittel finden. Insofern sind rheumatische und andere Gelenkserkrankungen in der homöopathischen Betrachtungsweise – im Gegensatz zur schulmedizinischen Ansicht - durchaus heilbar und wenn es auch nicht möglich ist, bereits massiv veränderte Gelenke wieder „wie neu“ zu machen, so ist es jedoch durchaus möglich, den Patienten einigermaßen schmerzfrei zu bekommen – und zwar ohne Dauereinnahme von nebenwirkungsreichen Medikamenten. Ob und inwiefern im Einzelfall also ein Gelenkleiden geheilt oder nur gelindert werden kann, hängt in erster Linie vom aktuellen Status der Beschwerden ab, also inwieweit die Gelenksveränderungen fortgeschritten sind und wie lange die Beschwerden medikamentös unterdrückt, also mit Schmerz- und entzündungshemmenden Mitteln behandelt worden sind. Außerdem spielt es natürlich eine gewisse Rolle, welche anderen körperlichen Beschwerden noch hinzugetreten sind, zum Beispiel als Nebenwirkung der Medikamente. Ist zum Beispiel das Herz mit betroffen, gibt es eine Nierenschwäche usw. Diese Dinge können eine Behandlung durchaus erschweren, aber dennoch ist eine deutliche Linderung fast immer möglich.

Bei Elfriede waren die Auslöser vor allem die hormonellen Umstellungen während Schwangerschaft und Entbindung, Ursache aber waren die häufigen Unterdrückungen der Blasenentzündungen durch Antibiotika und eine konstitutionelle Störung durch die Pockenimpfung. All diese Punkte finden sich im Arzneimittelbild von Thuja occidentalis wieder, ihrem homöopathischen Mittel. Thuja hat Beschwerden seit Entbindung, Folgen von unterdrückenden Behandlungen, Folgen von Impfungen, insbesondere Pockenimpfung, Gelenkbeschwerden, die typischerweise durch feuchtes und kaltes Wetter verschlimmert und durch schönes Wetter gebessert werden. Typisch für Thuja sind auch andere Symptome im Bereich des Bewegungsapparates, wie beispielsweise rezidivierende Panaritien, also immer wiederkehrende eingewachsene Fußnägel, Hallux valgus, Fersensporn, Krampfaderleiden, Schweißfüße. Im Bereich der Verdauungsbeschwerden kommt es zu Beschwerden durch Kaffee, Zwiebeln, Tee und Fettiges; es treten Symptome, wie Sodbrennen, Völlegefühl, Blähungen und häufiges Aufstoßen auf. Andere Hinweise auf Thuja in Elfriedes Geschichte sind die wiederholten Erkältungen als Kind und ständige Lymphknotenschwellungen und die gestielten Warzen am Hals.

Deshalb bekam sie Thuja und es hat ihr sehr gut geholfen und ihre Beschwerden deutlich gebessert. Wie ist das nun bei Lieselotte? Bei Lieselotte bewirkte die Kombination aus chronischem Schlafmangel, Überarbeitung, chronischem Wassermangel und Übersäuerung durch schlechte Ernährung  eine degenerative Veränderung des Kniegelenks, welche sich schließlich in brennenden Schmerzen äußerte, die durch feuchte Wärme gebessert und durch Kälte und Bewegung verschlimmert werden. Auch das entspricht genau einem bestimmten homöopathischen Mittel, das zum Beispiel typischerweise auch oft Halsbeschwerden mit Heiserkeit bis zur Stimmlosigkeit hat. Außerdem ist der Patient oft durstlos und hat wenig Appetit, obwohl ihm Essen im Allgemeinen gut tut. Ein besonders wichtiges Symptom dieses  Mittels ist die Verschlimmerung bei schönem Wetter und die Verbesserung durch feuchte Wärme, sowie auch durch das Trinken von etwas kaltem Wasser. Oft berichten diese Patienten auch von einem Steifheits- oder Verkürzungsgefühl der betroffenen Gliedmaßen, sie haben oft Krämpfe in Waden oder Zehen und eine Tendenz zum Umknicken der Knöchel, wie uns dies Lieselotte berichtet hat. Das homöopathische Mittel, das sie deshalb bekam, heißt Causticum und hat all diese Merkmale in seinem Arzneimittelbild. Causticumpatienten arbeiten oft massiv über ihre Kräfte, indem sie zum Beispiel Angehörige pflegen oder sich sonst für eine gemeinnützige Angelegenheit einsetzen, der sie all ihre Kräfte widmen, so dass sie oft unter Schlafmangel leiden. Sie sind sehr sozial, hilfs- und einsatzbereit und verzichten für die gute Sache gern auf persönliche Vorteile. Das kann bis zum kompletten gesundheitlichen Ruin gehen. Aber soweit muss es ja zum Glück nicht kommen. Dafür gibt es das homöopathische Medikament Causticum.

Nachdem Lieselotte ihr Mittel eingenommen hatte, war sie einige Tage lang so müde, dass sie darauf verzichtete, sich mit Elfriede im Park zu treffen. Herr Globuli hatte sie darauf vorbereitet, dass ihr Körper sicher Einiges an Schlaf nachzuholen hatte und sie dem unbedingt auch nachgeben sollte. Die Knieschmerzen verstärkten sich für einige Zeit deutlich und das war eine schwierige Zeit für Lieselotte. Es fiel ihr sehr schwer, sich auszuruhen und feuchtwarme Umschläge auf ihr Knie zu machen und sich von ihrem Mann helfen zu lassen, statt, wie gewohnt, selbst alles zu machen, die Familie zu versorgen, die Schwiegermutter zu pflegen und ihre Enkel zu bekochen. Aber sie hatte Herrn Globuli versprochen, sich zu schonen und sich zu erholen. Zum Glück hatten sie daran gedacht, den Pflegedienst mit der Pflege der Schwiegermutter zu betrauen, sonst wäre es ihr wahrscheinlich unmöglich gewesen, sich einige Tage und Wochen um sich selbst zu kümmern.

Nach und nach wurden die Schmerzen aber besser und Lieselotte bemerkte, dass sie selbst auch fröhlicher und unbeschwerter wurde. Sie entwickelte eine Mandelentzündung, die so ähnlich verlief, wie die Halsschmerzen, die sie früher oft hatte, wurde aber nicht mehr heiser dabei. Es tat ihr sehr gut, wenn sie immer mal wieder einen großen Schluck Wasser trank. Nach weiteren drei Wochen bemerkte sie, dass sich ihr Appetit und ihr Schlaf verbessert hatten. Sie achtete sehr darauf, viel frisches Obst und Gemüse zu verzehren und ausreichend zu trinken. Ihrem Mann fiel auf, dass ihre Augenringe verschwunden waren und  obwohl sie vor allem auf die Besserung des Knieschmerzes achtete, fiel ihr doch auf, dass sich auch andere Dinge an ihr veränderten: sie meldete sich wieder im Chor an und sagte sich „Warum soll ich nicht auch einmal etwas nur für mich tun? Schließlich ist das Leben schön und ich möchte es genießen.“

Nun war es an Elfriede, erstaunt zu sein, was mit ihrer Freundin passiert war. So ausgelassen und fröhlich hatte sie Lieselotte selten erlebt. Beide waren sehr froh, dass sie den Versuch unternommen hatten, mit Hilfe der Homöopathie ihre Gelenksprobleme in den Griff zu kriegen und suchten Herrn Globuli immer mal wieder auf, wenn es zu kleineren Beschwerden kam, denn bis daraus größere Beschwerden wurden, wollten sie gewiss nicht wieder warten.

Nun werden nicht alle Gelenkbeschwerden mit Thuja oder Causticum behandelt, dafür sind die Patienten und ihre Symptome viel zu verschieden. Das waren zwei Beispiele, an denen ich aufzeigen wollte, was in der Homöopathie alles möglich ist und wie man sich eine solche Behandlung in etwa vorstellen kann. Dabei können durchaus auch andere homöopathische Mittel angezeigt sein, wie etwa Aconitum napellus, Bryonia alba, Pulsatilla, Natrium muriaticum, Rhus toxicodendron, Lycopodium, verschiedene Natrium-, Kalium- oder Magnesium-Salze, Caulophyllum, Kalmia, Dulcamara, Formicica rufa, Ruta graveolens, Apis, Ledum, Colchicum, Staphysagria, Kreosotum und viele andere mehr.

Ich möchte an dieser Stelle davon abraten, zu versuchen, sich selbst zu behandeln, da es bei so vielen möglichen Mitteln ausgesprochen schwierig ist, sich selbst wirklich so objektiv zu betrachten, dass man schließlich das richtige Mittel auswählt, was dann schlussendlich auch heilt. Aber ich möchte jeden „Rheumapatienten“ ermutigen, zu versuchen, mit Ernährungsumstellung und alternativen Heilmethoden seine Krankheit ganzheitlich zu behandeln – schließlich besteht ein Mensch nicht nur aus Gelenken!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen schönen und beschwerdefreien Frühling!

Literaturnachweise:

Pschyrembel – Klinisches Wörterbuch, 258. Auflage, ISBN-Nr.: 3-11-014824-2

Mohinder Singh Jus, Praktische Materia medica Arzneimittelbilder von A-Z, ISBN-Nr.: 3-906407-05-5

Elvira Bierbach (Hrsg.), Naturheilpraxis heute, ISBN-Nr.: 3-437-55241-4, 2. Auflage

Stiftung Warentest, Handbuch Medikamente Ausgabe 2001, ISBN-Nr.: 3-931908-58-5

Dr. Klaus-Ulrich Hoffmann, „Rheuma heilt man anders“, ISBN-Nr.: 3-928306-01-4

Deutsche Rheuma-Liga Bundesverband e.V., „Merkblätter Rheuma“

Adolf Voegeli, „Homöopathie bei rheumatischen Erkrankungen“, ISBN-Nr.: 3-8304-7056-8

Sven-David Müller, „Rheuma- und Gicht-Ampel“, ISBN-Nr.: 3-426-64130-5

 
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